Die Woche voraus:

Markt-Update von Allianz Global Investors

Tauziehen

Die Entwicklung der letzten Tage bei Geopolitik und Kapitalmärkten gleicht einem Tauziehen. Je länger die Unsicherheiten anhalten, desto stärker können auch die Konjunkturdaten in dieses Fahrwasser geraten.

Tauziehen in der Geopolitik: Erst zog das Tau in Richtung Entspannung, als Teheran ankündigte, die Straße von Hormus während der Waffenruhe wieder für die kommerzielle Schifffahrt zu öffnen – und prompt gab der Ölpreis deutlich nach. Kurz darauf folgte jedoch die Gegenbewegung: Die Öffnung blieb politisch und militärisch an Bedingungen geknüpft, die Lage kippte erneut, und die Unsicherheit über den tatsächlichen Durchfluss durch das Nadelöhr ließ die Risikoprämie am Ölmarkt wieder anschwellen. Entsprechend schwankten Brent und WTI in großen Tagesbewegungen, während Aktienmärkte zwischen Erleichterungsrallye und erneuter Risikoaversion pendelten.

Tauziehen an den Kapitalmärkten: Dieses Hin und Her ist inzwischen das Grundmuster – vor allem an den Aktienmärkten, die jede neue Volte im Iran-Krieg und rund um die Straße von Hormus unmittelbar in Kursbewegungen übersetzen. Die technische Lage an den Märkten kann in dieser Gemengelage nur als abwartend beschrieben werden. Neue Positionen scheint niemand beziehen zu wollen. Die Relative-Stärke-Indikatoren zeigen für die großen Aktienmärkte ein neutrales Bild. Im Hin und Her der letzten Wochen wurden wichtige Widerstandslinien verteidigt, oder die Indizes konnten sich von diesen sogar lösen. Unser Schwerelosigkeitsindikator, welcher das Kurs-Gewinn-Verhältnis des S&P 500 ins Verhältnis mit dem Volatilitätsindex VIX als Maß für den Preis des Risikos setzt, hat an Bodenhaftung gewonnen. Alles scheint darauf zu warten, dass das Tauziehen um die Straße von Hormus entschieden wird – und das zugunsten des Ölangebots. Entsprechend oszilliert der Ölpreis zwischen Hoffen und Bangen, wobei die Dynamik im Spotpreis gegenüber dem wichtigeren Future-Preis noch deutlicher zum Ausdruck kommt (vgl. dazu die Grafik der Woche). Vergleicht man die letzten Tage mit der Zeitphase des Ausbruchs des Iran-Kriegs ist die relative Stabilität des 3-Monatskontraktes auf Öl der Sorte Brent fast schon erstaunlich. Das Niveau liegt deutlich höher, ja, aber obwohl die berühmteste „Straße“ der Welt nur sehr kurz für Durchfahrten offen war, war er kaum noch angestiegen.

Die Märkte scheint dies nur wenig zu stören, wobei die Sektorenrotation – getrieben von den Diskussionen um die Auswirkungen von KI – erheblich waren. 

Jenseits des Ölpreises und der gestiegenen Inflationserwartungen gibt es kaum Anzeichen für systemischen Stress. Der „Composite Systemic Stress Index“ (CISS) der Europäischen Zentralbank (EZB), welcher Unruhe im Finanzsystem misst, zeigt sich kaum beeindruckt, ebenso wenig wie sein Pendant für den US-amerikanischen Markt der Stressindex der Federal Reserve Bank von St. Louis.

Die Staatsanleiherenditen bewegen sich weiter auf erhöhtem Niveau und die Relation des Gold- zum Kupferpreises erweist sich als Angstindikator. In Europa rechnen die Märkte weiterhin mit zwei Zinserhöhungen der EZB (Europäische Zentralbank), während die zwischenzeitlich in den Laufzeiten der US-Staatsanleihen eingepreisten Erhöhungen rasch verschwanden.

Der US-Dollar, der während des Konflikts ein wichtiger Diversifikator für Portfolios war, dürfte seinen Abschwächungstrend – wenn das Tau wieder stärker in Richtung Entspannung gezogen wird – wieder aufnehmen. Seit Beginn des Krieges gab es eine klare positive Korrelation zwischen dem Greenback und dem Ölpreis, was offenbar weiterhin gilt. Und selbst wenn die Korrelation zu Öl verschwindet, ist der Dollar fundamental teuer.

Brent Spot vs. 3M Future
(in US-Dollar; 1 Barrel = 159 Liter)
Brent Spot vs. 3M Future (in US-Dollar; 1 Barrel = 159 Liter)

Quelle: LSEG Datastream, AllianzGI Global Capital Markets & Thematic Research, 21.04.2026. Die frühere Wertentwicklung lässt nicht auf zukünftige Renditen schließen.

Die Woche voraus

Dazu das Tauziehen um die Geldpolitik. In der neuen Woche tagt was nur tagen kann an großen Zentralbanken. Am einfachsten dürfte es die Bank of Japan (BoJ) haben. Bei ihr geht die Reise bei den Zinsen vorsichtig nach oben, aber so vorsichtig, dass bei dieser Sitzung kaum etwas zu erwarten ist. Dazu die US-Zentralbank Federal Reserve (Fed, Mittwoch), die Bank of England (BoE, Donnerstag) und die EZB (ebenfalls Donnerstag). Die Märkte sind sich noch uneinig, wie das Tauziehen zwischen Tauben und Falken ausgeht. Wie die jüngsten Äußerungen aus dem EuroTower vermuten lassen, scheint die Reaktionsfunktion am Ölpreis und damit am weiteren Verlauf des Iran-Krieges zu hängen. Sollte der Öl-Preis nahe dem EZB-Basisszenario bleiben, sollte der Einlagezins unverändert bleiben. Steigt Öl Richtung Stressszenario, wären frühe, moderate Signale zu erwarten. Bei einem starken Sprung wäre zu erwarten, dass die EZB deutlich straffer reagiert. 

Tauziehen auch beim weiteren Konjunkturverlauf: Abgesehen von den gestiegenen Energiepreisen, hat sich das Hauptszenario, dass die Konjunktur Belastungstests ausgesetzt wird sich aber als widerstandsfähig erweist, bisher gehalten. Bei den Konjunkturverläufen dürfte die neue Woche mehr Aufschluss geben, inwieweit sich der Iran-Krieg bereits in den Stimmungsindikatoren niederschlägt und ob das „Tau“ in Richtung Stagflation gezogen wird. In Deutschland richtet sich der Blick auf das GfK-Konsumklima (Montag), das Hinweise auf die Entwicklung der privaten Nachfrage geben dürfte. In den USA steht das Verbrauchervertrauen des Conference Board im Mittelpunkt, das Aufschluss über die Konsumneigung der Haushalte gibt.

Aus der Eurozone werden mehrere Stimmungsindikatoren der Europäischen Kommission (Mittwoch) veröffentlicht. Das Geschäftsklima sowie die wirtschaftliche Einschätzung dürften die aktuelle konjunkturelle Verfassung widerspiegeln, während die Indizes für Industrie und Dienstleistungen zusätzliche Hinweise auf die sektorale Dynamik liefern. Beim Verbrauchervertrauen wird ein Rückgang erwartet. Aus China wird der offizielle Einkaufsmanagerindex (PMI „Purchasing Manager Index“; ebenfalls am Mittwoch) für das verarbeitende Gewerbe erwartet, der sich leicht verbessern dürfte und damit weiterhin ein expansives Umfeld signalisiert.

Für die Eurozone stehen zudem die vorläufigen Inflationsdaten (HVPI) im Fokus. Sowohl die Gesamtteuerung als auch die Kernrate dürften gegenüber den zuletzt gemeldeten Werten moderat nachgeben. Auch in den USA stehen Inflationsdaten im Zentrum. Der PCE-Preisindex („Private Consumption Expenditures“, Preisindex für die privaten Konsumausgaben) sowie dessen Kernrate an. Sie sind wichtiger Gradmesser, inwieweit sich der Energiepreis bereits in der Inflation niederschlägt. Darüber hinaus wird für die USA die erste Schätzung des Bruttoinlandsprodukts veröffentlicht, die auf ein moderates Wachstum hindeutet (ebenfalls). Am Arbeitsmarkt liefern die wöchentlichen Erstanträge auf Arbeitslosenunterstützung zusätzliche Hinweise auf die Dynamik der Beschäftigung. 

Zum Wochenausklang stehen schließlich die ISM-Einkaufsmanagerindizes für das verarbeitende Gewerbe der USA im Fokus.

Das Tauziehen geht weiter. Möge die wirtschaftliche Stabilität gewinnen,

Dr. Hans-Jörg Naumer
Director Global Capital Markets & Thematic Research

Falls nicht anders erwähnt, stammen die Daten und Informationen von LSEG Datastream.

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