Die Woche voraus:
Markt-Update von Allianz Global Investors
Fast entspannte Bullen
In Folge steigender Kurse ist der Start ins neue Börsenjahr von Zuversicht geprägt. Umfragen unter Anlegern und Fondsmanagern signalisieren steigenden Optimismus – mit Blick auf Konjunktur, Unternehmensgewinne und die eigene Risikobereitschaft. Viele Marktteilnehmer gehen davon aus, dass das wirtschaftliche Umfeld robuster ist als noch vor einigen Monaten und dass die Gewinnentwicklung diese Erwartung stützen kann.
Dies provoziert die Frage, ob Anleger zu sorglos agieren. Nach einem differenzierten Blick auf mehrere Indikatoren zum tatsächlichen Verhalten von Anlegern lässt sich sagen: Die gute Stimmung schlägt sich bislang nur teilweise in einer erhöhten Positionierung nieder. Zwar ist die Aktienquote insgesamt gestiegen und liegt höher als im Herbst, doch von einer extremen Risikoneigung kann kaum die Rede sein. Gemäß wöchentlich erscheinenden Auswertungen der Deutschen Bank sind diskretionär agierende Anleger (also solche die nach eigenem Ermessen handeln) nur vergleichsweise moderat bei Aktien übergewichtet. Regelgebundene und quantitative Strategien sind dagegen bereits in stärkerem Maße investiert. Das Verhältnis von Put zu Call-Optionen, ein Maß für das Bedürfnis nach Portfolioabsicherung, zeigt aber keine ausgeprägte Sorglosigkeit an. Zudem gab es in den ersten Januarwochen hohe Zuflüsse in verschiedenste Varianten von Aktienfonds, was zu Jahresbeginn ein gewohntes Bild darstellt. Insgesamt wirken die Märkte somit eher gut unterstützt als einseitig überkauft.
Mitte Januar fiel in dieses scheinbar sorgenfreie Umfeld plötzlich ein politischer Belastungstest. In der Causa Grönland führte die Androhung von Zöllen gegenüber ausgewählten Ländern kurzfristig zu Verunsicherung. Insgesamt blieben Anleger jedoch ruhig, wichtige Indizes gaben nicht mehr als 2-3% nach. Letztlich ein Zeichen dafür, dass Anleger dem Szenario eines sich verschärfenden Zollkrieges nur eine geringe Wahrscheinlichkeit beimessen wollten. Eine Erleichterung nach dem späteren Rückzug von der Maßnahme durch Donald Trump war dennoch zu spüren. Einzelne Marktsegmente zeigen dennoch, dass Vertrauen Schaden genommen hat. Der US-Dollar hat noch nicht alle Verluste aufholen können, die Krisenwährung Gold erklimmt gleichzeitig immer neue Höhen. Insgesamt sind also nur fast entspannte Bullen am Ruder.
AAII-Umfrage: US-Privatanleger weit entfernt von Euphorie
1Anleger waren in 73% aller Beobachtungen seit 1987 weniger optimistisch (entsprechend in 27% der Fälle optimistischer)
Quelle: LSEG Datastream, Stand: 22.1.2026. Die frühere Wertentwicklung lässt nicht auf zukünftige Renditen schließen.
Die Woche voraus
In der kommenden Woche dürfte sich die Aufmerksamkeit der Kapitalmärkte auf zwei zentrale Themenkomplexe richten: den Zustand des US-Arbeitsmarktes sowie die geldpolitische Ausrichtung der großen europäischen Zentralbanken. In den USA liefern zunächst die JOLTS-Daten und der ADP-Beschäftigungsbericht Hinweise auf die Dynamik am Arbeitsmarkt, bevor am Freitag mit den offiziellen Arbeitsmarktdaten der wichtigste Datenpunkt der Woche folgt. Die wöchentlichen Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe am Donnerstag ergänzen das Bild um einen kurzfristigen Indikator.
Zudem werden für etliche Länder die (finalen) Einkaufsmanagerindizes veröffentlicht. Sie geben Aufschluss über die konjunkturelle Grundstimmung zum Jahresbeginn. Bisherige Stimmungsdaten vor allem aus Asien und Australien waren positiv. Hier könnten sich für die europäischen Länder noch Veränderungen zu den vorläufigen Zahlen nach Beruhigung der Grönland-Schlagzeilen ergeben.
Am Mittwoch dürften in der Eurozone die Flash-Inflationsdaten im Fokus stehen. Inflationsdaten unter der Zielgröße von 2% wären keine Überraschungen. Vor diesem Hintergrund richtet sich danach die Aufmerksamkeit auf die Sitzung der Europäische Zentralbank am Donnerstag, bei der weniger die Zinsentscheidung selbst als vielmehr die Einschätzung der mittelfristigen Inflationsrisiken und der weitere geldpolitische Ausblick im Mittelpunkt stehen dürften. Ergänzend dazu entscheidet die Bank of England über ihren geldpolitischen Kurs – vor dem Hintergrund einer gedämpften Wachstumsdynamik bei weiterhin erhöhtem Lohndruck.
Solange die fundamentalen Entwicklungen die Optimisten nicht enttäuscht, könnte die wahrnehmbare Differenz zwischen Stimmung und tatsächlicher Positionierung die Märkte weiter stützen. Es erscheint zumindest möglich, dass derzeit vorsichtigere Investoren ihre Investitionsquoten bei steigenden Kursen heraufnehmen müssten, um nicht zu sehr ins Hintertreffen zu geraten.
Dennoch steigt die Anfälligkeit für Korrekturen, schlicht weil Optimismus und Engagement höher sind als noch vor wenigen Wochen. Für blinde Euphorie gibt es wenig Anzeichen. Der jüngste politische Test hat gezeigt, dass die Märkte noch widerstandsfähig genug sind, Rückschläge wegzustecken. In einem Umfeld erhöhter Erwartungen und anhaltender geopolitischer Unsicherheiten empfiehlt es sich weiter diszipliniert und diversifiziert vorzugehen.
Eine entspannte Woche wünscht Ihnen
Stefan Rondorf
Senior Investment Strategist, Global Economics & Strategy