Die Woche voraus:
Markt-Update von Allianz Global Investors
Der Hase und die Schildkröte
In Äsops bekannter Fabel vom Hasen und der Schildkröte ist der Hase auf den ersten Blick sehr viel besser für einen Wettlauf gerüstet als die Schildkröte. Er rennt und springt scheinbar mühelos und ist sich seines Sieges ganz gewiss. Dieses Selbstvertrauen schlägt jedoch in Arroganz um: Der Hase lässt sich ablenken, verliert das Ziel aus dem Blick und beteiligt sich in letzter Konsequenz gar nicht mehr am Rennen. Derweil bewegt sich die Schildkröte Schritt für Schritt vorwärts, lässt sich nicht davon beirren, dass sie dem Hasen in punkto Schnelligkeit unterlegen ist, und bleibt letztendlich Sieger – nicht, weil sie brillanter wäre, sondern weil sie schlicht mehr Ausdauer an den Tag legt.
So ganz passt diese Fabel nicht zur Entwicklung des Beschäftigungswachstums in den USA beziehungsweise im Euroraum, aber gewisse Parallelen lassen sich nicht verkennen (siehe die Grafik). Im Euroraum blieb das Beschäftigungswachstum während der Erholungsphase direkt nach der Coronapandemie geraume Zeit hinter der Entwicklung in den USA zurück; 2025 war es jedoch in allen Quartalen stärker als auf der anderen Seite des Atlantiks. Zwar hat sich der Beschäftigungsaufbau in den USA im Januar belebt (was womöglich auf vorübergehende, günstige Witterungseffekte zurückzuführen ist), aber die Gründe für die Verschiebung der relativen Erfolge am Arbeitsmarkt sind überwiegend in den USA zu finden. Die Auswirkungen der restriktiveren Geldpolitik der Federal Reserve sind mit einer gewissen Verzögerung zu spüren, und durch die Zollerhöhungen und die striktere Einwanderungspolitik der Regierung steigen die Kosten für die US-Unternehmen. Aufgrund dieser Faktoren hat sich der Beschäftigungsaufbau in den USA im vergangenen Jahr verlangsamt, sodass am Arbeitsmarkt ein ungewöhnlicher Stillstand herrscht: Sowohl die Zahl der Einstellungen als auch die Zahl der Entlassungen ist gering. Im Gegensatz dazu macht die Beschäftigung im Euroraum wie die Schildkröte in der Fabel unspektakuläre, aber regelmäßige Fortschritte.
Das Beschäftigungswachstum ist ein wichtiger Einflussfaktor für die Konsumausgaben. Logischerweise erscheint die Binnennachfrage im Euroraum zumindest im Vergleich zu den USA besser unterstützt. Bedenkt man zudem, dass US-Unternehmen in wichtigen Aktienindizes hoch gewichtet sind, so ergibt sich aus dieser Analyse, dass ein Portfolio eine gute geografische Diversifizierung aufweisen sollte.
Das ist aber noch nicht die ganze Geschichte. In beiden Regionen ist noch nicht ganz klar, welche Rolle die Künstliche Intelligenz (KI) in den Unternehmensplanungen spielt und wie sich dies auf den Arbeitsmarkt auswirken wird. Die USA nehmen bei der Entwicklung von Large Language Models (LLM) bekanntermaßen eine Führungsposition ein, und insgesamt haben US-Unternehmen rascher KI in ihre Abläufe eingeführt. In ganz bestimmten Bereichen schafft die Integration von KI direkt neue Beschäftigungsmöglichkeiten, in anderen scheinen durch den erfolgreichen Einsatz von KI-Lösungen wohl eher Arbeitsplätze wegzufallen – insbesondere zu Beginn, wenn Wettbewerber, die KI nutzen, die erwarteten, zukünftigen Gewinne etablierter Unternehmen dämpfen, die mehr Personal beschäftigen.
Dies schafft auf der Ebene der einzelnen Beschäftigten und Unternehmen zwar Unsicherheit, aber auf Makroebene ergeben sich zahlreiche Vorteile, weil die Produktivitätsbeschleunigung zur Verringerung des Inflationsdrucks beiträgt, indem sie die Lohnstückkosten dämpft. Gleichzeitig steigen die Gewinne, sodass es den Zentralbanken gegebenenfalls leichter fällt, die Zinsen auch im Konjunkturaufschwung niedrig zu lassen. Letzteres ist in der Regel eine günstige Kombination für die Aktien- und Rentenmärkte und wirkt in Phasen mit höherer Unsicherheit unterstützend.
Wie die Fabel vom Hasen und der Schildkröte zeigt, sollte man nicht ohne Weiteres davon ausgehen, dass die anfänglichen Favoriten auch als Sieger über die Ziellinie gehen. Die Verhältnisse können sich ändern, und möglicherweise ist Anpassungsfähigkeit wichtiger als ein Blitzstart. Entscheidend ist jedoch, dass man für neue Chancen offen bleibt, wenn das Rennen Tempo aufnimmt – und dass eine gute Diversifizierung der Investitionen sichergestellt ist.
Beschäftigungswachstum (Quartal, %)
Quelle: Bloomberg, Stand: Februar 2026.
Die Woche voraus
Die letzte Woche des Monats ist in punkto Wirtschaftsdaten relativ ruhig.
Im Euroraum wird der Ifo-Index für Deutschland Aufschluss darüber geben, wie breit die Basis des vom Statistischen Bundesamt ausgewiesenen, deutlichen Anstiegs der Auftragseingänge ist und ob diese Entwicklung sich bereits auf die Produktion auswirkt. Außerdem werden die Arbeitslosenzahlen für Deutschland veröffentlicht, bei denen zuletzt Stabilisierungsanzeichen zu erkennen waren. Für den Euroraum insgesamt werden genauere Daten zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) im vierten Quartal veröffentlicht sowie der endgültige Verbraucherpreisindex (HVPI) für Januar. Letzterer dürfte interessanter sein als sonst, weil in diesem Jahr Änderungen des Inflationskorbs, der Indexierungsmethode und den saisonalen Faktoren vorgenommen wurden.
In den USA werden wir anhand der Produzentenpreise abschätzen können, ob der Inflationsdruck in den USA abklingt. Die Komponenten des VPI lassen darauf schließen, dass die über dem Zielwert liegenden Inflationsraten weiterhin für Druck sorgen. Der Conference Board-Index für das Verbrauchervertrauen und die Arbeitsmarktzahlen werden Hinweise auf das Konsumklima geben. Außerdem steht in der kommenden Woche in den USA noch der Case-Shiller-Hauspreisindex an.
In Japan wird der VPI für Tokio erste Hinweise auf die Preisentwicklung im Februar liefern, und darüber hinaus stehen Zahlen zu Baubeginnen und Einzelhandelsumsätzen an. Zuletzt werden noch in Großbritannien Daten zur Hauspreisentwicklung und zum Verbrauchervertrauen veröffentlicht.
Ihr,
Sean Shepley
Senior Economist