THEMATISCHER IMPULS
Die neue Energieära: Wie KI und Elektrifizierung die Nachfrage verändern
KI-Anwendungen, Rechenzentren und die Elektrifizierung zahlreicher Wirtschaftsbereiche treiben den weltweiten Strombedarf auf neue Höchststände. Damit rückt die Energieversorgung stärker denn je in den Fokus – und eröffnet neue Perspektiven entlang der gesamten Wertschöpfungskette.
Das Ende der Stagnation
Die steigenden Stromrechnungen übersteigen das jährliche Wachstum der Haushaltseinkommen. Die Stromnachfrage in den USA blieb zwischen 2009 und 2024 nahezu unverändert, mit einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von nur 0,6%. Das lag im Wesentlichen daran, dass die gestiegene Energieeffizienz Faktoren wie Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum ausgeglichen hat. Diese jahrzehntelange Stagnation endete 2024. Die Stromnachfrage stiegt ab dann rasant an, da z.B. begonnen wurde, die industrielle Fertigung zurück in die USA zu verlagern und Technologieunternehmen eine Flut von neuen Rechenzentren geplant haben, um Kapazitäten zur Weiterentwicklung der Künstlichen Intelligenz (KI) zur Verfügung zu haben. Dies hat zu einem starken Anstieg der Strompreise in den USA geführt. Im Durchschnitt sind die Strompreise für Privathaushalte zuletzt im zweistelligen Bereich gestiegen und die Stromrechnungen um etwa 30% seit 20211 – und haben damit die Inflation übertroffen. Auch die Nachfrage steigt: Der weltweite Stromverbrauch dürfte 2025 und 2026 neue Rekordwerte erreichen und anschließend weiter wachsen. Nach jahrzehntelangem Wachstum von jährlich rund 1 % oder weniger wird eine spürbare Beschleunigung erwartet. Gründe hierfür sind die zunehmende Elektrifizierung sowie der steigende Bedarf in privaten Haushalten, im Gewerbe und in der Industrie, die die gegenläufigen Effekte von Effizienzsteigerungen und Energieeinsparungen zunehmend überkompensieren.2
Durchschnittliche monatliche Stromrechnung für Privathaushalte in den USA
Quelle: Jeffries Research, 2025
Rechenzentren und KI: die wichtigsten Treiber
Der Stromverbrauch von Rechenzentren wird sich voraussichtlich von 17 Gigawattstunden (GWh) im Jahr 2024 auf 66 GWh im Jahr 2035 vervierfachen, was 12% des gesamten Energiebedarfs der USA entspricht.
KI-gesteuerte Rechenzentren sind der Haupttreiber. So verbrauchen führende KI-Modelle bis zu 20 Megawatt (MW) pro Netzanschluss bei einem einzigen KI-Trainingslauf. Globale Rechenzentren verbrauchten im Jahr 2024 371 Terawattstunden (TWh) Strom (1,4% der weltweiten Nachfrage), wobei die Prognosen bis 2030 auf 935 TWh (3% des weltweiten Bedarfs) und bis 2035 auf 1.600 TWh (4,5% der weltweiten Nachfrage) ansteigen. KI-Rechenzentren können bis zu 300% mehr Strom verbrauchen als herkömmliche Rechenzentren. Neue Anlagen werden mit Kapazitäten von 100 MW bis 1.000 MW gebaut, was einem Verbrauch von 80.000 bis 800.000 Haushalten entspricht. Eine ChatGPT-Abfrage verbraucht etwa 2,9 Wh und damit etwa zehnmal so viel Strom wie eine normale GoogleSuche (0,3 Wh). Dies verdeutlicht die im Vergleich zu herkömmlichen Suchanfragen deutlich höhere Energieintensität von KI-Anwendungen.3
Investitionsmöglichkeiten in Versorgungsunternehmen und Netzinfrastruktur
Die Investitionsausgaben für das US-Stromnetz erreichten 2024 einen Rekordwert von 95 Milliarden US-Dollar und waren damit die höchsten weltweit. Dies ist auf die folgenden Punkte zurückzuführen: Ausbau von sauberer Energie, Wachstum in der Nachfrage und Errichtung von neuen Rechenzentren.4 Solarenergie bleibt die günstigste “saubere” Energiequelle. Bloomberg NEF prognostiziert, dass zwischen 2025 und 2035 mehr Solar-Großanlagen mit einer Kapazität von 57 GW gebaut werden als bisher erwartet. Stromverteilung und Wärmemanagement sind die am schnellsten wachsenden Produktsegmente, die in den nächsten drei Jahren ein jährliches Wachstum von fast 20 % erzielen werden.5
Erneuerbare Energien werden vorausichtlich die bevorzugte Energiequelle für neue Kapazitäten bleiben und aufgrund schnellerer Bauzeiten und geringerer Kosten den Löwenanteil der neuen Kapazitätszugänge ausmachen.
Schlüsselmetalle und -mineralien für die Energiewende
Unter den Schlüsselmetallen für die Energiewende ist Kupfer das Metall mit den größten langfristigen Versorgungsengpässen. Der Bedarf wird sich voraussichtlich mehr als verdoppeln – von 9,9 Millionen Tonnen im Jahr 2025 auf 21,4 Millionen Tonnen im Jahr 2050. Bei den Metallen Kupfer und Lithium wird bis 2035 mit erheblichen Versorgungsdefiziten gerechnet, die bei Kupfer 20 bis 40 % und bei Lithium 30 bis 60 % betragen dürften. Die Investitionen in die US-Stromnetzinfrastruktur stiegen von 2003 bis 2023 um 160 %. Damit einher stieg die Nachfrage nach Kupfer, da dieses Metall eine überlegene Stromleitfähigkeit besitzt.6
Anleger, die von der steigenden Stromnachfrage profitieren möchten, können verschiedene Strategien verfolgen:
- Infrastruktur und Versorgungsunternehmen: Der steigende Investitionsbedarf dürfte dazu führen, dass Versorgungsunternehmen ihre regulierten Anlagen und Netze ausbauen können, was die Grundlage für künftige inflationsgebundene Erträge stärkt.
- Entwickler von erneuerbaren Energien und Energiespeichern: Der Ausbau erneuerbarer Energien dürfte mittelfristig robust bleiben, auch wenn Genehmigungsverfahren weiterhin eine Herausforderung darstellen. Batteriespeicher und kombinierte Projekte aus erneuerbaren Energien und Speicherlösungen sind wachsende Nischenmärkte.
- Übertragungsnetze und Netzmodernisierung: Anbieter von Ingenieur- und Baudienstleistungen sowie Hersteller von Netztechnologien könnten von den langfristigen Investitionszyklen profitieren, die für den Ausbau und die Modernisierung der Stromnetze erforderlich sind.
- Industrieausrüstung und Elektrifizierungstechnologien: Unternehmen, die Transformatoren, Schaltanlagen, Wechselrichter und Leistungselektronik herstellen, dürften von einer anhaltend hohen Nachfrage profitieren.
- Rohstoffsektor und moderne Fertigung: Produzenten von Schlüsselmineralien für die Energiewende, Metallverarbeiter und Anbieter heimischer Produktionskapazitäten könnten in Phasen knappen Angebots von einer stärkeren Preissetzungsmacht profitieren.
- Software und Smart-GridPlattformen: Softwarelösungen für die digitale Optimierung und Echtzeitsteuerung von Stromnetzen könnten zu unverzichtbaren Bestandteilen werden.
Die Vereinigten Staaten scheinen in eine neue Ära steigender Stromnachfrage einzutreten und damit zwei Jahrzehnte weitgehender Stagnation hinter sich zu lassen. Angetrieben wird dieser Wandel strukturell durch Rechenzentren, die zunehmende Elektrifizierung und die industrielle Entwicklung. Gleichzeitig fällt er mit den Megatrends Dekarbonisierung und digitale Transformation zusammen.
Die wachsende Stromnachfrage wird beispiellose Investitionen in Stromerzeugung, Übertragungs- und Verteilnetze sowie unterstützende Technologien erfordern. Für Anleger ergeben sich daraus Chancen entlang einer breiten und eng miteinander verknüpften Wertschöpfungskette – von Rohstoffen bis hin zu Versorgungsunternehmen und von Infrastrukturfinanzierungen bis hin zu fortschrittlichen Softwarelösungen.
Auch wenn Umsetzungsrisiken bestehen bleiben, könnten Umfang und Dauer des erforderlichen Kapitaleinsatzes die Energie- und Infrastrukturmärkte in den kommenden Jahrzehnten maßgeblich prägen.
1 Jefferies LLC & Energy Information Administration.
2 Bloomberg NEF Nachhaltige Energie in Amerika 2025.
3 Bloomberg NEF US Data Centre Power Demand Outlook.
4 JP Morgan Research Power Equipment: Super-Zyklus: Anfang oder Ende? Ausblick für 2026.
5 Bloomberg NEF Energy Transition Investment Trends 2025.
6 Bloomberg NEF Transition Metals Outlook 2025.