ROBUSTE ERTRÄGE
Höhere Renditen in Europa senden unterschiedliche Signale
Globale Marktentwicklungen und politische Unsicherheit lassen die Anleiherenditen in Europa steigen. Die höheren Renditen sprechen jedoch auch für die Widerstandsfähigkeit der Wirtschaft im Euroraum. Aus unserer Sicht könnte dies langfristig orientierten Anlegern attraktive Einstiegsmöglichkeiten eröffnen.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Der weltweit zu beobachtende Anstieg der Anleiherenditen erfasst auch Europa und verteuert die Finanzierung im Euroraum.
- Politische Unsicherheit, unter anderem in Frankreich, schlägt sich zunehmend in den Marktpreisen nieder.
- Die höheren Renditen sind zugleich Ausdruck einer widerstandsfähigen Wirtschaft. Für langfristig orientierte Anleiheanleger dürfte sich dadurch ein attraktiveres Marktumfeld ergeben.
Die Renditen von Staatsanleihen aus dem Euroraum steigen weiter. Mit den Energiepreisen allein lässt sich diese Entwicklung inzwischen nicht mehr erklären.
Der Ausverkauf zu Jahresbeginn hatte zunächst einen klaren Auslöser: Nach dem Iran-Konflikt stiegen die Energiepreise und mit ihnen die Inflationserwartungen. Die Märkte rechneten deshalb mit einem restriktiveren Kurs der Europäischen Zentralbank. Inzwischen haben die Energiemärkte einen erheblichen Teil dieser Bewegung wieder wettgemacht. Die Renditen von Staatsanleihen blieben jedoch hoch und liegen mittlerweile sogar über ihren Höchstständen aus dem Frühjahr 2026. Aus unserer Sicht wirken hier drei entscheidende Faktoren.
1. Globale Renditetrends erfassen Europa
Anleihemärkte bewegen sich nicht unabhängig voneinander. Die weltweite Neubewertung der Duration wirkt daher auch auf Europa. Steigende Renditen in den USA, im Vereinigten Königreich und in Japan erhöhen die Finanzierungskosten im Euroraum, selbst wenn die Fundamentaldaten vor Ort stabil bleiben. Europa erlebt damit eine Straffung der Finanzierungsbedingungen, deren Ursachen zum Teil außerhalb der Region liegen. Besonders herausfordernd ist dies für die wirtschaftlich anfälligeren Länder des Euroraums.
2. Politische Unsicherheit erhöht die Risikoprämien
Der zweite Faktor ist politischer Natur. In Frankreich ist die fiskalpolitische Debatte weiterhin ungelöst. Anleger verlangen daher einen höheren Ausgleich für das Risiko, dass sich die öffentlichen Finanzen vor dem Wahlzyklus 2027 weiter verschlechtern.
Auch in anderen europäischen Ländern nimmt die politische Unsicherheit zu. Eine Neuauflage der europäischen Staatsschuldenkrise zeichnet sich aus unserer Sicht zwar nicht ab. Die ungelösten politischen Fragen dürften die Risikoprämien jedoch vorerst erhöht halten.
3. Die Konjunktur im Euroraum erweist sich als widerstandsfähig
Der dritte und wohl wichtigste Faktor ist positiver: Trotz der überwiegend negativen Schlagzeilen haben sich die Konjunkturdaten im Euroraum verbessert. Das Wachstum hat sich stabilisiert, und die Stimmungsindikatoren haben sich von ihrer Schwäche nach dem Iran-Krieg erholt. Auch in Deutschland mehren sich die Anzeichen, dass die mehrjährige Stagnation allmählich überwunden werden könnte.
Zugleich gewinnen die Unternehmensgewinne an Dynamik. Europas wirtschaftliche Erholung stützt sich zunehmend auf binnenwirtschaftliche Reflation und Investitionen. Davon profitieren insbesondere jene Sektoren, die im Zentrum dieses Wandels stehen und nach einem Jahrzehnt schwacher Gewinnentwicklung über Aufholpotenzial verfügen.
Die Erholung bleibt zwar verhalten. Doch die These, Europa steuere auf eine Rezession zu, überzeugt zunehmend weniger. Der Renditeanstieg spricht daher nicht nur für wirtschaftliche oder politische Risiken. Er spiegelt auch bessere Wachstumsaussichten in einem sich normalisierenden Umfeld wider. Dazu passen die stärkere Aktienmarktentwicklung und die positiven Gewinnrevisionen.
Höhere Renditen verbessern die langfristigen Perspektiven
Steigende Renditen können auf stärkeres Wachstum, höhere Inflation oder wachsende Zweifel an der Tragfähigkeit der Staatsverschuldung hindeuten. Für den Portfolioaufbau und die Suche nach Renditechancen ist entscheidend, welcher dieser Faktoren überwiegt.
Aus unserer Sicht sind die aktuellen Renditen nicht nur Ausdruck fiskalischer Risiken und globaler Marktbewegungen. Sie zeigen auch, dass sich die Wirtschaft im Euroraum widerstandsfähiger entwickelt als vielfach erwartet. Kurzfristig könnte der Aufwärtsdruck auf die Renditen anhalten. Für langfristig orientierte Anleiheanleger entsteht jedoch ein attraktiveres Marktumfeld.
Höhere Renditen ermöglichen höhere laufende Erträge. Zudem können Anleger stärker von regelmäßigen Zinserträgen und möglichen Kursgewinnen profitieren, wenn Anleihen mit der Zeit auf ihrer Laufzeitkurve nach unten rücken.
Nach Jahren niedriger Renditen wird das Halten von Anleihen für Anleger wieder attraktiver.
Entscheidend ist deshalb weniger, ob Anleihen ins Portfolio gehören, sondern wie Anleger ihr Anleihenengagement auf ein Umfeld längerfristig höherer Renditen ausrichten können.
Mit einem aktiven Multi-Strategy-Ansatz nach Chancen suchen
Wir setzen weiterhin auf einen aktiven Ansatz. Bei Staatsanleihen aus den wichtigsten Märkten nutzen wir gezielt kurzfristige Chancen und Bewertungsunterschiede zwischen einzelnen Ländern. Auf größere Positionen, die stark von der allgemeinen Zinsentwicklung abhängen, verzichten wir dagegen weitgehend.
Unsere Positionierung an den europäischen Zinsmärkten folgt derzeit zwei Themen: Die EZB hat bereits eine erste Zinserhöhung vorgenommen. Zudem berücksichtigen die Marktpreise eine weitere Straffung um mehr als 50 Basispunkte. Im Vergleich zu anderen großen Zentralbanken sind damit bereits besonders deutliche Zinsschritte eingepreist.
Gleichzeitig dürfte Deutschland deutlich mehr Schuldtitel begeben, um sein umfangreiches Fiskalpaket zu finanzieren. Vor diesem Hintergrund sehen wir bei kürzer laufenden Staatsanleihen aus dem Euroraum Vorteile gegenüber US-Staatsanleihen. Ultralang laufende deutsche Bundesanleihen gewichten wir dagegen gegenüber britischen Gilts und Anleihen der Europäischen Union unter.
Für langfristige Anlagen bevorzugen wir hochwertige europäische Unternehmensanleihen mit guter Bonität und attraktiven Renditen. Ihre laufenden Zinserträge können zugleich dazu beitragen, Marktschwankungen abzufedern.
Auch außerhalb Europas halten wir einen breit aufgestellten, flexiblen Anleiheansatz für sinnvoll. Er nutzt Chancen in verschiedenen Marktsegmenten und Regionen und verteilt die Risiken auf mehrere Ertragsquellen. Diversifikation bleibt ein wertvoller Puffer gegen Schocks, insbesondere in Phasen erhöhter Unsicherheit.